Begegnungen

 

Läuferisches Storytelling

Schon als mittelmäßig umtriebiger Volksläufer, wie ich mich mit meinen knapp 20 Meldungen für 2015 mal einordnen würde, lernt man im Zuge der Veranstaltungen so einige Leute kennen, wenn auch nur flüchtig. Meistens nach dem Zieleinlauf – beim Fachsimpeln am Getränkestand oder an der Ergebniswand beim Studieren der Listen.

Der Typen-Reigen ist dabei immens, man trifft so gut wie nie auf ähnliche Charaktere, alle scheinen grundverschieden. So kommt es mir jedenfalls (ganz subjektiv) vor. Eines aber haben alle Volksläufer (ganz objektiv) gemein: Verletzungen – vom Wehwehchen bis zu lebensrettenden Sofortmaßnahmen vom Hubschrauber-Doc. Und das wird nur allzu gerne kommuniziert. Man muss nicht mal in dieser Richtung nachfragen. Wie auch? „Na, kürzlich mal wieder verletzt gewesen?“ Irgendwie keine natürliche Frage unter Fremden. Doch die Antwort auf diese nicht gestellte Frage kommt so sicher wie die Butter bei die Fische.

Immer die Männer!

Das bezieht sich allerdings nur auf männliche Läufer, Frauen referieren so gar nicht zu diesem Thema. Da bleibt Smalltalk Smalltalk. Da geht’s um die schöne Strecke, die unterschätzte Distanz, das unmögliche Outfit einer anderen Läuferin oder die Vorfreude auf’s nächste Rennen in Dingenskirchen. Männer aber sprechen innerhalb der ersten 30 Sekunden irgendetwas aus, das ihrem Gehirn signalisiert: Alter, es wird höchste Zeit, auch mal deine Verletzungen zu erwähnen!

Und dann dreht das Schlachtschiff (bildlich gesehen) bei, um dir die volle Breitseite zu verpassen. Zunächst schlagen die kleinen Wehwehchen ein: Achillessehnenreizung, Schienbeinschmerzen, die Hitze, die Kälte usw. Dabei können schon mal ein paar Minuten vergehen, in denen man selber kein einziges Wort spricht. Wenn man dann irgendwann bei all dem Kopfnicken mal schnell mit einem „Hm, ja, kenn ich“ beipflichtet, werden die größeren Geschütze aufgefahren.

Hunde und Luftgewehre

Da kommen dann die doppelten Kreuzbandrisse, beidseitige Knie-OPs, Bissattacken freilaufender Hunde oder gar Luftgewehr-Hinterhalte eines kriminellen Jogger-Hassers im dunklen Park. Die Ursachen der Verletzungen scheinen so unendlich wie die Weiten des „Star Trek“-Universums. Steht man mit gleich mehreren Läufern zusammen, die über ihre Verletzungen berichten, bleibt irgendwann der erste auf der Strecke. Seine mäßig unglaubliche Geschichte wirkt gegenüber der viel unglaublicheren Story des Nebenmannes plötzlich irgendwie uninteressant. Zack, raus ist er. Und kurz darauf gegebenenfalls der Nächste und so weiter und so fort …

Übrig bleibt der King. Der Verletzungs-King des Tages. Das ist meistens jemand, für den das Rennen zuvor eher schlecht lief. Der vielleicht nur 57. wurde oder sonstwo im Platzierungsniemandsland landete. Trotz der brandneuen Superschuhe oder der Astronauten-Unterwäsche. Aber jetzt wissen ja alle, warum das so war: ganz klar die Nachwirkungen einer echt krassen Verletzung, von der man dachte, dass man sie überstanden hätte. In so einem Fall kann man halt nicht so gut, wie man ja eigentlich könnte. „Sch… Knie, verdammte Axt! Seit Jahren macht es sich immer mal wieder bemerkbar. Aber ausgerechnet heute!?!?“

Ausnahme von der Regel

Einen Läufer (45 J.) gab es bisher – unter all den ambitionierten Storytellern ­– dessen Geschichte wirklich erzählenswert, weil ziemlich tragisch-beeindruckend ist. Ich lief bei einem Rennen für ein paar hundert Meter direkt hinter ihm und konnte an seinem Körper (Arme, Beine, Kopf) mehrere verheilte, ehemals tiefe Wunden ausmachen. Wie er später erzählte, wartete er auf der Autobahn auf den ADAC-Mann, als er von einem Fahrzeug erfasst wurde. Schwerste Verletzungen waren die Folge.

Vor dem Unfall lief er z. B. die fünf Kilometer locker unter 20 Minuten. Mittlerweile hat er sich zurückgekämpft und packt dieselbe Distanz, trotz all der erlittenen Knochenbrüche und inneren Verletzungen, wieder in rund 23 Minuten. Ich finde, das ist ‘ne Leidensgeschichte, die gerne erzählt werden darf, weil so viel echte Tragik und sportliche Leistung dahinterstecken. Und er hat sie nicht mal von selbst erzählt – ich hatte tatsächlich direkt nachgefragt.

 

Alter Bekannter

Letztes Jahr, nachdem ich mich für die 5-km-Distanz der Vattenfall City-Nacht auf dem Berliner Ku’damm registriert hatte, guckte ich mehr aus Langeweile denn aus Interesse auch die Meldeliste für den 10-km-Lauf durch.

Und staunte bei all den hunderten mir unbekannten Namen nicht schlecht, als ich plötzlich einen las, den ich tatsächlich kannte (Ort/Jahrgang stimmten auch). Ein heute 46-Jähriger* wie ich, mit dem ich als Kind zusammen Fußball gespielt hatte – bis wir zirka zehn Jahre alt waren. Dann hörte er auf, ich spielte weiter und wir sahen uns nie wieder. Auch nicht im Ort oder sonstwo.

Rund 35 Jahre später sollte ich also erneut mit ihm zusammen Sport machen, sprich: über’n Ku’damm rennen. Er allerdings, wie gesagt, in der 10-km-Konkurrenz. Natürlich fand ich ihn nicht, als ich mich im Startbereich umsah, bei den hunderten Teilnehmern wäre das auch ein kleines Wunder gewesen. Später konnte ich anhand der Ergebnislisten feststellen, dass er eine super Zeit (rund 42 Min.) gelaufen und in seiner Altersklasse 45 unter den Top 40 gelandet war. Kurz darauf erfuhr ich von dritter Seite, dass er auch seit Längerem Marathons und Ultraläufe mitmacht – also einer von den ganz Harten (geworden) ist.

Und dann stell ich mich neulich bei Aldi an der Schlange an, die an jenem Tag bestimmt 15 Meter in den Laden hinein reichte – wer geht da gerade, sein Wechselgeld zählend, von der Kasse weg? Trotz der Entfernung war er leicht zu erkennen, denn er sah noch aus wie früher (wenn auch heute mit grauen Schläfen) und die Körperhaltung war auch noch dieselbe. Ich bin in dem Moment nicht hinterher, denn ich sagte mir, jetzt hat’s über 35 Jahre gedauert, da kann ich auch bis zum nächsten Zufallstreffen irgendwo im Ort warten. Oder bis zum nächsten Vattenfall-Lauf in Berlin.

* Zufällig mit auf dem Foto der Kindermannschaft von 1978, das in meinem „About“-Abschnitt unter „Meine anderen Sportarten“ zu finden ist. Er ist der Fünfte von rechts.

 

Serienkiller trifft Eisenmann

Ab und zu trifft man beim Laufen außer unangeleinten Vierbeinern und Gruppen von den Weg versperrenden Stöcker-Menschen (Walker) ja auch mal andere Läufer.

Manche grüßen (zurück), manche ignorieren dich komplett, manche linsen unsicher aus den Augenwinkeln, weil sie dich anscheinend für ’nen joggenden Serienkiller halten, der hinter ihnen umdrehen und sie in die Büsche zerren wird. Und dann gibt’s auch diejenigen, die plötzlich von hinten in einem Mördertempo angerauscht kommen – und neben dir vollbremsen, um dich ein Stückchen zu begleiten und ein wenig zu quatschen. So, als würde man sich kennen und öfter mal treffen.

Genau so einer letzterer Art erwischt mich am Wochenende auf meiner Hügeltrainingsstrecke im Wald. Ein großer, athletischer, mittelalter Typ, der den kernigen Ultraläufer gibt. „Ey, hi! Na, auch länger unterwegs heute?“ Keine Ahnung, woraus er schließt, dass ich gerade als Long Distance Runner oder sowas unterwegs bin und einen kleinen Plausch wert wäre. Noch bevor ich antworten kann, dass ich nur meine knapp acht Kilometer lange Hügelstrecke bezwinge, kommt: „Welchen Marathon läufst du denn dieses Jahr als Erstes?“ Ich: „Äh, Usedom, aber …“ Er: „Usedom, da machen ja nicht so viele mit, oder? Ich mach Hamburg, wie jedes Jahr.“ An mein „aber“ hatte ich eigentlich noch kleinlaut dranhängen wollen, dass ich ja nur Halbmarathon, und das zum ersten Mal, laufen würde. Komm ich aber nicht zu. „Also dann“, sag ich nach einer gefühlten Minute des Nebeneinanderherlaufens zu ihm – im Sinne von „tschüss, mach’s gut“. 30 Sekunden später dasselbe noch mal. Und dann zieht er auch wieder ab: mit Speed rechts weg auf einen Trampelpfad in die Baumreihen hinein.

Später erzähl ich einer Bekannten, seit 35 Jahren Leichtathletin im hiesigen Sportverein, von der Begegnung. In den nächsten Minuten stellt sich dann heraus, dass der Anquatscher aus’m Wald (ihr seit Kindertagen vom Sehen her bekannt) aus unserer weiteren Nachbarschaft kommt – und tatsächlich ein gestandener Marathon-Recke ist. Obendrein nimmt der Typ an Ironmans teil! Zackbumm, das bremste mich nachträglich voll aus. Der kann es sich also absolut leisten, vor anderen Läufern, oder wem auch immer, auf dicke Hose zu machen. Als 42er und Eisenmann hast du echt was gerissen! Das kann keiner kleinreden, da bist du in deinem sportlichen Umfeld definitiv der King.

In diesem Fall lag ich also voll daneben, als ich meinen ungebetenen Mitläufer in die „Angeberspacko und nichts dahinter“-Schublade packte. So kann’s auch mal gehen. Asche auf mein Haupt!